Derzeit sorgt der Vorschlag des Wissenschaftsrats, an deutschen Universitäten Zentren für »Islamische Studien« einzurichten, für Aufruhr. Islamwissenschaftler Patrick Franke über die mögliche Einflussnahme islamischer Beiräte und die Gefahren für das schon bestehende Fach Islamwissenschaft.
zenith: Herr Franke, der Wissenschaftsrat fordert mit den »Islamischen Studien« ein neues Fach neben den bestehenden Islamwissenschaften. Ist eine Neuausrichtung der Islamwissenschaften nicht ausreichend?
Franke: Der Wissenschaftsrat will das Fach »Islamische Studien« als ein Bekenntnis-gebundenes, theologisches Fach an den deutschen Universitäten etablieren. Der Studiengang soll muslimische Gläubige auf ihre Tätigkeit als islamische Religionslehrer oder Imame in der Moschee vorbereiten. Damit die Absolventen der »Islamischen Studien« auch von den muslimischen Gläubigen akzeptiert werden, sollen diese ein Mitspracherecht an der inhaltlichen Ausgestaltung der jeweiligen Studiengänge und der Besetzung der relevanten Professuren erhalten. Das soll mit Hilfe von Beiräten erfolgen, in denen die deutschen muslimischen Verbände vertreten sind. Außerdem werden noch muslimische Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und muslimische Theologen aus dem Ausland in den Beiräten sitzen. Dies ist natürlich ein ganz anderes Modell als bei der Islamwissenschaft: Die Islamwissenschaft ist bei der Ausgestaltung ihrer Studiengänge und der Besetzungspolitik nicht an die Vorgaben von religiösen Gruppen gebunden, sondern entscheidet völlig frei. Die Islamwissenschaft muss auf der Hut sein, dass ihr diese Freiheit zukünftig nicht verloren geht.
zenith: Sie sagen, dass die Islamwissenschaft auf der Hut sein muss. Was meinen Sie damit?
Franke: Es besteht die Gefahr, dass bei einer solchen Konstruktion die Islamwissenschaft, die mit dem neuen Fach zusammenarbeiten soll, ins Fahrwasser der muslimischen Verbände gerät. Besser und weniger konfliktreich wäre es, wenn die neuen Zentren, wie es bei dem »Zentrum für Religiöse Studien« in Münster der Fall ist, als außerfakultäre Einrichtungen geführt werden, die der Hochschulleitung direkt unterstellt sind. Damit der fundamentale Unterschied zwischen den beiden Fächern nach außen hin deutlich wird, sollte das neue Fach auch »Islamische Theologie« heißen, und nicht »Islamische Studien«. Sonst besteht bei Übersetzungen, etwa ins Englische, die Gefahr der Verwechselung.
zenith: Also auch keine Eingliederung der »Islamischen Studien« beispielsweise in die philosophische Fakultät, wie es der Wissenschaftsrat fordert?
Franke: Der Wissenschaftsrat sagt, dass es zurzeit die angemessene Lösung ist, die neuen Zentren in die philosophischen oder kulturwissenschaftlichen Fakultäten zu verankern. Das halte ich aber für völlig verfehlt, denn diese Fakultäten leben von ihrer Freiheit gegenüber der Religion. Der Name»Islamische Studien« verschleiert, dass es sich in Wirklichkeit um ein theologisches Fach handelt, das an einer geisteswissenschaftlichen Fakultät nichts zu suchen hat. Ihre epistemologischen Grundlagen sind von den dort vorherrschenden grundverschieden.
»Theologisches Fach hat einer geisteswissenschaftlichen Fakultät nichts zu suchen«
zenith: Sind die deutschen Universitäten überhaupt dazu in der Lage, einen »Bachelor Imam« auszubilden?
Franke: Bildungsministerin Schavan hat angekündigt, die Universitäten bei der Umsetzung der Empfehlungen des Wissenschaftsrates zu unterstützen. Insofern gehe ich davon aus, dass es nicht an den notwendigen Finanzmitteln fehlen wird. Mehrere Universitäten, darunter Heidelberg, Tübingen, Freiburg, Münster, Osnabrück und Erlangen, arbeiten gerade an Plänen für den Aufbau von Einrichtungen mit mehreren Professuren für »Islamische Studien«. Probleme können vor allem dann auftreten, wenn der Aufbau dieser Einrichtungen zu schnell betrieben wird. Dann besteht die Gefahr, dass in großer Eile Personen auf die neuen Professuren berufen werden, die dafür gar nicht genügend qualifiziert sind.
zenith: Gerade dieser relativ straffe Zeitplan verwundert. So hat die Universität Münster angekündigt, bis 2012 die ersten »Bachelor-Imame« auszubilden. Ist das nicht eher ein Feigenblatt, wenn sich die Frage stellt, wer solch hoch qualifizierten und teuren Imame später einstellen soll? Und werden die Gemeinden die Imame überhaupt akzeptieren?
Franke: Es ist in der Tat noch gar nicht geklärt, ob die Absolventen des neuen Faches von den Gemeinden und Moschee-Vereinen auch wirklich akzeptiert und als Imame eingestellt werden. Die DITIB (Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion) zum Beispiel, die in Deutschland die meisten Moscheen unterhält, hat schon angekündigt, ihre Imame weiter aus der Türkei »importieren« zu wollen. Das ist aber gerade der Punkt, der mit der Einführung des neuen Faches in Deutschland verhindert werden soll. Der Gedanke ist: Die Leute, die hier in den Moscheen predigen und auf die muslimischen Gläubigen einwirken, sollen auch an deutschen Universitäten ausgebildet werden, damit die »Fernsteuerung« aus Ankara irgendwann aufhört und eine wirkliche Integration der Muslime stattfinden kann. Ob diese Rechnung aufgeht, wird sich zeigen.
zenith: Besteht aber nicht auch bei den »Islamischen Studien« die Gefahr, dass die Beiräte versuchen, auf die Ausrichtung des Studiengangs Einfluss zu nehmen?
Franke: Natürlich wird es eine Einflussnahme geben, die ist aber auch intendiert. Das Verhältnis zwischen den Zentren für Islamische Studien und den muslimischen Beiräten soll ähnlich aussehen wie dasjenige zwischen den christlich-theologischen Fakultäten und den Kirchen, damit Symmetrie herrscht.
»Muslime haben ein Recht auf ähnlichen Bestandsschutz wie die christlichen Kirchen«
zenith: Eine Symmetrie, die eigentlich dem humanistischen Ideal widerspricht, dass Staat und Religion getrennt werden sollten. Stimmen Sie dem zu?
Franke: Im strengen Sinne schon. Aber Deutschland ist ja, anders als Frankreich, in Wirklichkeit nur ein teil-säkularisierter Staat. Kirche und Staat sind nicht völlig getrennt, sondern arbeiten in vielfältiger Form zusammen. Der Staat sammelt für die Kirchen die Kirchensteuer ein, die Kirchen sind Körperschaften des öffentlichen Rechts und können damit zum Teil staatliche Aufgaben übernehmen. Die komplexen Rechtsbeziehungen zwischen Staat und Kirchen sind im Religionsverfassungs- und Staatskirchenrecht geregelt, das durch Konkordat und Landeskirchenverträge ergänzt wird. Die christlich-theologischen Fakultäten genießen durch diese Verträge, ja zum Teil sogar durch die Landesverfassungen, Bestandsschutz. Da ist es ein Gebot der Gerechtigkeit, dass man auch den Muslimen in Deutschland ähnliche Rechte einräumt.
zenith: Rechte, die sich aber auch schnell in eine Pflicht wandeln können. Sehen Sie in der geplanten Ausbildung von Imamen an deutschen Universitäten die Tendenz eines Zwangs zur »Verkirchlichung« für den Islam?
Franke: Ja, in gewisser Weise schon. Der Staat erwartet von den eingewanderten Muslimen, dass sie sich in die bestehenden rechtlichen Verhältnisse einordnen und sich dementsprechend wie Kirchen organisieren. In den Sozialwissenschaften nennt man das »institutional channelling«.
zenith: Und welchen Vorteil hat eine deutsche Universität davon, den neuen Studiengang anzubieten?
Franke: Universitäten können sich fraglos in ganz Deutschland und international einen Namen machen, wenn sie sich als angesehene Zentren für islamisch-theologische Forschung und Lehre etablieren. Daneben locken natürlich auch die in Aussicht gestellten Fördermittel von Bund und Ländern.
Das Interview wurde zuerst in der zenith veröffentlicht.


