Neuschwanstein am Atlas

Nirgends leben die Europäer ihren Traum von 1001 Nacht so aus wie in der Medina von Marrakesch. Inzwischen gehören ihnen fast alle hochwertigen Häuser. Was lange Zeit funktioniert hat, wirft nun Schatten. Es ist die dunkle Seite des Paradieses.

Manches von dem, was hier erzählt wird, kann nur angedeutet werden. Hinter den Mauern der Riads geschehen Dinge, von denen auf dem berühmten Marktplatz der Stadt, dem „Platz der Gehenkten“, der Jemaa-el-Fna, jeder weiß, doch kaum einer ausspricht. Zu groß ist das Risiko die Aufmerksamkeit der Touristenpolizei, oder gar den Zorn des marokkanischen Königs, auf sich zu ziehen. Dies ist die Geschichte der heimlichen Herrscher von Marrakesch: der Ausländer. Sie basiert auf Sprachlosigkeit.

Als sich 1998 erstmals ein Team um den Mainzer Geographieprofessor Anton Escher aufmacht, ausländische Besitztümer in der Altstadt zu untersuchen, stoßen sie hauptsächlich auf Künstler, Aussteiger und Geschäftsleute. Knapp über 100 Franzosen, Belgier, Spanier, Italiener und Schweizer haben sich in der Medina von Marrakesch niedergelassen. Elf Jahre und drei Erhebungen später wohnen 2160 Ausländer in den engen Gassen, ein Ende des Booms ist laut Escher nicht in Sicht. Im Gegenteil: Auch betuchtes Klientel aus dem Nahen Osten und Russland entdeckt neuerdings das milde Klima vor dem Atlasgebirge. Den Großteil der „Residents“, der neuen Einheimischen, stellen jedoch die Deutschen. Hunderte haben eines der kleinen, luxuriösen hôtels de charme eröffnet, andere ein Restaurant, eine orientalische Apotheke oder ein Souvenir-Shop. Der neuste Trend sind Wellness-Tempel, alles authentisch orientalisch.

Marrakesch ist 2011 dort angekommen, wo es König Mohammed VI in seiner Vision, den „Plan Azur“, zehn Jahre zuvor verortet hat: In den Hochglanz-Seiten der Airline-Gazetten, den Coffeetable Books, den „Schöner wohnen“-Postillen und den Trend-Seiten internationaler Modemagazine.

Mo 6“, wie ihn seine Untertanen nennen, hat dafür eine neue Infrastruktur, gesetzliche Erleichterungen und eine Werbekampagne spendiert. Wie kaum ein anderer Ort in der Welt lebt die Stadt in der marokkanischen Hochebene von ihren Mythen: Der Verheißung des Orients, den Legenden der Könige und den Grausamkeiten des Sklavenhandels, dem Luxus der französischen Kolonialzeit. Es fremdelt den Touristen wohlig, wenn sie zwischen Schlangenbeschwörern und Trommeln über den abendlichen Jemaa-el-Fna flanieren, an den Garküchen vorbei, um dann erschöpft in ihr Riad heimzukehren, wo sie die westlichen Standards genießen: Toiletten in DIN-Norm vor marokkanischen Fliesen, Wireless LAN auf der Dachterrasse.

Missbrauch, Drogen, Prostitution: Worüber nicht geredet wird, das existiert nicht

Doch wie in den Märchen aus 1001 Nacht, die sie in unzähligen Variationen auf dem Platz der Gehenkten erzählen, muss am Ende immer irgendwer bezahlen. In der Realität von Marrakesch sind es die Einheimischen. Denn die Ausländer, sind nicht nur Freunde. Prostitution von Minderjährigen, Drogen und windige Immobiliengeschäfte – „Marrakesch“, so titelt die Zeitung „Die Welt“, ist auch „die neue Metropole für billigen Sex.“

Als die französischen Kolonialherren 1956 Marokko verlassen, ist die Medina ein Ort des Handels. Ob Kamel, Safran oder Kleinkind, alles nur eine Frage des Preises. Einheimische, die es sich leisten können, ziehen in die „villes nouvelles“, Vorstädte, die die Besatzer hinterlassen haben. Die Nachbarschaft ist dort sicher. Die Medina dagegen ist dreckig, laut und arm. Sie übt aber einen unwiderstehlichen Reiz auf die Ausländer aus, die auf der Suche nach „Authentizität“ und „Fremdartigkeit“ den europäischen Kontinent verlassen. Männer wie William Borroughs oder Yves Saint Laurent. „Es ist ein Klientel“, sagt Escher, „die einen Lebensraum sucht und sich verwirklichen will, wie es im restriktiven Europa nicht möglich ist. Von Anfang an viele Homosexuelle, die sich letztendlich in einer Gesellschaft, die über Homosexualität nicht redet, ausleben können. Die darüber nicht redet, weil das ausgesprochene nicht existiert.“ Das Riad, im arabischen auch „Abbild des himmlischen Paradies“ genannt, entpuppt sich als Traum und Alptraum zugleich: Hinter den hohen, schmucklosen Mauern öffnet sich ein weitverzweigter Wohnbereich, indem die Bewohner keiner staatlichen Kontrolle unterliegen. Traditionell sind die orientalischen Stadthäuser Hoheitsbereich der Familie. Im schlechtesten Fall sind sie eine Spielwiese für Missbrauch und Ausbeutung.

Doch es sind nicht nur Grenzgänger, die sich in der Medina niederlassen. Ab den 1990er Jahren kaufen Liebhaber wie Herwig Bartels, der ehemalige deutsche Botschafter in Marokko, ganze Gebäudekomplexe in der Medina. Sie wollen „das Riad so restaurieren, wie es im 19. Jahrhundert eventuell ausgesehen haben könnte“, sagt Escher. Die neuen Bewohner versuchen sich zu integrieren. Wenn sie in ihren Riads Strom verlegen, schließen sie auch gleich die ganze Straße an. Sie verwenden einheimische Materialien und sind stolz auf die „authentische“ Restaurierung.

Und dann geht es schnell: Als die ersten Airlines Billigflüge nach Marrakesch anbieten, kommen die maisons d’hôtes in Mode, Medien entdecken Marrakesch als „orientalischen Traum“, und schon bald explodieren die Preise für Riads. Das Angebot ist begrenzt. Anfang des neuen Jahrtausends sind fast alle Filetstücke, rund 1000 höherwertige Häuser, in ausländischer Hand. Das orientalische Stadthaus kostet jetzt ab eine Millionen Euro, Preise die Finanzinvestoren auf den Plan rufen. 2003 herrscht Goldgräberstimmung in der Medina. 30 bis 40 Prozent Rendite winken beim Kauf eines Riads. Scheinbar nichts hält den Lauf auf, weder Terroranschläge noch Finanz- und Weltwirtschaftskrise. „Wir beobachten den Trend, dass die Leute auch durch schlechte Nachrichten auf Marokko aufmerksam werden“, sagt Dirk Pfeil vom Reisebüro „Marokko“. Sie hätten den Effekt, dass die Leute sagen: Marrakesch, da wollte ich schon immer mal hin.“

Traum oder Alptraum: Marrakeschs Altstadt ist fest in europäischen Händen

In der Medina“, sagt Escher, „läuft nichts mehr ohne die Europäer.“ Wie auf dem Jemaa-el-Fna. 2001 wurde er von der UNESCO auf Drängen der neuen Residents als Meisterwerk der Menschheit deklariert. Die Marokkaner hofften auf ein Parkhaus unter dem Platz, die Ausländer dachten mal wieder an 1001 Nacht. Der König entschied: keine Tiefgarage, dafür ein ordentlich gepflasterter Platz. Oder die neugebaute Moschee. Nach Protesten des Vereins „Freunde der Altstadt“ – fast alles Ausländer – musste die bereits errichtete Betonhülle zurückgebaut werden, weil sie den Richtlinien des Weltkulturerbes widersprach.

Aber während die Präsenz der Europäer auf der einen Seite die Fassade aufrecht erhält, werden an anderer Stelle Mauern eingerissen. Zwar lautet noch immer der marokkanische Imperativ auch von Staats wegen: Worüber nicht gesprochen wird, das existiert nicht. Doch einheimische Medien haben begonnen vermehrt über Kindesmissbrauch und Prostitution zu berichten, und seit einiger Zeit gibt es die Bewegung „Fass’ mein Kind nicht an“. Ein Tabubruch über den sich nicht alle freuen. Kürzlich hat der König ein marokkanisches Magazin, das offen über homosexuelle Ausländer in der Medina berichtete verboten. Die Schatten des Paradieses sind im Plan Azur nicht vorgesehen. Marrakesch, soll dem Jetset ein orientalisches Abenteuer bieten, einen behaglichen Rückzugsort, ein Luftschloss, ein Lustschloss. Und so bauen die Europäer weiter an ihrem kolonialen Erbe hinter dem Platz der Gehängten, einem Paradies mit weißgekalkten Mauern.

Zuerst veröffentlicht im aktuellen zenith-Magazin 1/2011.

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Politik, Reisen und Sport

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Log Out / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Log Out / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Log Out / Ändern )

Verbinde mit %s