Ein bisschen Frieden

Auch im Frauen-Fußball dreht sich alles um Tore, Erfolge und Siege. Stimmt, sagen die Hamburger Unionitas. Aber nicht bei uns.

An diesem Sonntagmorgen haben die Phalangen keine Lust mehr zu funktionieren. Drei dieser knöchernen Stützelemente gibt es, zu dritt sollen sie den menschlichen Finger zusammenhalten. Zwei verkeilen sich in Sarahs Mittelfinger, schieben sich in diesem Moment ineinander. Rüde ist die Stürmerin der Unionitas von ihrer Gegnerin im Strafraum gefoult worden. Ein lautes Krachen, für einen Moment taumeln beide Spielerinnen, kämpfen gegen die Schwerkraft. Ein Schmerzensschrei und Sarah knallt frontal auf den gefrorenen Hartplatz. Ist der Finger gebrochen? Nach einer Schrecksekunde greift der Trainer zum Handy, wählt 112. Untermalt vom Gezwitscher der ersten Rotkehlchen, die sich verschlafen den Frost aus dem Gefieder schütteln, biegt wenig später der Krankenwagen auf den Platz. „Die soll sich nicht so anstellen!“, regt sich die Gegnerin von Altona 93 auf. „Normale Hamburger Härte und so.“

Wer die Aggressivität selbst in den Bezirksligen des Frauenfußballs in diesen Tagen verstehen will, macht am besten etwas typisch Deutsches – er analysiert Statistiken. Zweifache und amtierende Weltmeisterinnen, siebenfache Europameisterinnen sind die deutschen Spielerinnen. Was noch wichtiger ist: Der Frauenfußball ist seit Jahren das am stärksten wachsende Segment im heimischen Sport. Zogen die Titelgewinne noch eher belustigte Blicke des Deutschen Fußball-Bundes auf sich, wird ihre wirtschaftliche Macht jetzt ernst genommen. Über eine Million Fußballerinnen sind 2011 in Vereinen registriert, die Zuwachsraten sind zweistellig. Der DFB hofft auf einen weiteren Boom durch die Frauen- WM, denn die Zahl der männlichen Mitglieder sinkt kontinuierlich. Und so erfolgt die Professionalisierung des Frauen-Spielbetriebs bis hinab in die untersten Ligen. Es geht um Tore, Erfolg und um Geld. Es ist das komplette Gegenteil des Ansatzes, den die Unionitas aus Hamburg-Eimsbüttel verfolgen.

„Vorwärts Union, du schaffst das!“ „Los, Unionitas, zusammenhalten!“ Seit fünf Jahren spielen die Frauen des FC Union von 1903 in der Bezirksliga. In der Saison heißt das: jedes Wochen- ende früh raus. Manch- mal verkatert, manchmal krank und fast immer verschlafen. Zwischen 25 und 35 Jahre sind die Unionitas alt, im Schnitt zehn Jahre älter als ihre Gegnerinnen. Kennengelernt haben sie sich in der Uni, inzwischen sind sie Ärztinnen, Juristinnen und Lehrerinnen. Manch eine von ihnen ist nur für die Unionitas in Hamburg geblieben. Wegen dieses Fußballkollektivs, das der Professionalisierung des Sports trotzig den Bolzplatz- Idealismus der elf Freundinnen entgegensetzt.

Es sind Tage wie dieser, an denen selbst die Sonne keine Lust hat, sich zu zeigen und das Rot des Hartplatzes im noblen Hamburg-Othmarschen so gefroren ist wie die Stimmung des gegnerischen Trainers. Mit Kippe im Mundwinkel und Fünftagebart-Weisheiten stimmt er die Altona-Frauen auf die Unionitas ein. „Durchbeißen!“ „Aggressiv angreifen!“ „Abblocken.“ Hätte sich eine Zuschauerin hierher verirrt, sie würde folgende Szene sehen: Auf der einen Seite steht die Mannschaft von Altona 93, ein zusammengewürfeltes Team aus Zweit- und Drittliga-Spielerinnen. Frau beschnuppert sich, wirft sich abschätzende Blicke zu, die eine oder andere stellt sich erst mal mit Vor- und Nachnamen vor. Auf der anderen Seite die Unionitas. Da wird sich auch während des Spiels gruppendynamisch umarmt oder dem altersschwachen Schiedsrichter freundschaftlich gratuliert, wenn er zufällig den Unterschied zwischen Abseits und Aus erkennt. „Gut gemacht, Schiri!“, ruft Markus, ihr Trainer. In seiner Doppelrolle als Coach und Freund einer Unionita ist er im Einsatz. Mal tröstet er eine Spielerin, die gefoult wurde. Dann muss er beruhigen, weil Hannah, die Mittelfeldspielerin, über die unfaire Aufstellung von Altona 93 weint. Der Trainer von Altona klopft sich derweil die nächste Filterlose aus dem Päckchen.

Die Unionitas sind nett. Gehen nicht in den Ball, treten nicht nach. Diese Bionade- Mentalität schwebt seit ihrer Gründung über ihnen. 2006 traten Hannah, Sarah und die anderen Spielerinnen aus dem Hamburger Hochschulsport aus. Sie hatten genug von den starren Regeln. Wenn die Unionitas auf dem Platz stehen, dann nach eigenen Regeln. Und die lauten folgendermaßen: Erstens darf nur spielen, wer Engagement auch außerhalb des Platzes mitbringt. Also Trikots waschen, an Teamratssitzungen teilnehmen. Die Fahrt zu antirassistischen Fußballturnieren organisieren. Das Trainingslager auf Amrum planen. Zweitens: Wir spielen nicht, um nur zu gewinnen. Wir bleiben fair, auch wenn wir dafür nicht aufsteigen.

“Warum soll irgend Typ bestimmen, wer wann und welcher Position spielt?”

Die dritte Regel besagt, dass keinerlei männliche Bevormundung akzeptiert wird, und schon gar keine sexistischen Witze. „Habt ihr noch mehr drauf als schöne Beine?“, gehörte am Anfang zu den harmlosen Sprüchen. Doch „die Kommentare vom Rand haben schnell aufgehört“, sagt Hannah, „als wir denen klargemacht haben, dass wir unser eigenes Ding machen und keine dummen Sprüche brauchen.“ Und so beginnt die Suche nach einem Verein, der die Regeln der Mädels akzeptiert. SC Union 03, ein Hamburger Traditionsverein, bietet schließlich das beste Umfeld. Die Unionitas sind jetzt offiziell – doch der vom Verein aufgestellte Trainer wird abgelehnt. Warum soll irgendein Typ bestimmen, wer wann und auf welcher Position spielt? Seit der Gründung coacht Markus das Team, denn Vertrauen ist wichtig. Auf dem Platz umarmt Torhüterin Elena den Ball derweilen so innig, als wäre er eine Heizdecke gegen sonntägliche Bettflucht und nicht der natürliche Feind einer Torfrau. Es steht 0:1. Die Mütze hängt tief ins Gesicht, die Ringelsocken sind hoch über die Trainingshose gezogen. Elena schlägt den Ball weit ins Mittelfeld. Ein kurzer Pass von Mittelfeld- spielerin Phoebe nach links. Abspiel zu Lena, eine halbe Drehung nach rechts. Eine Spielerin von Altona zerrt an Lenas Unionitas-Trikot, roter Stern auf schwarzem Grund. Lena fällt – der Schiedsrichter rennt keuchend herbei. Nichts gesehen. Robuster sehen die Frauen von Altona 93 aus. Breite Schultern, durchtrainierte Waden und kurze, gefärbte Haare. „Die da drüben spielen wie Studenten“, kaut die Auswechselspielerin von Altona durch ihr Kaugummi dem Trainer ins Ohr.

Tatsächlich funktionieren die Unionitas wie eine südamerikanische Arbeiterkolchose. Bei der Aufstellung, der Taktik und den Trainingslagern entscheidet ein Teamrat von fünf Spielerinnen. Der jährlich neu gewählt wird. „Zwar gibt Markus Auswechslung und Taktik vor“, sagt Lena, „doch letztlich sind Teamrat und Trainer immer gleichberechtigt.“ „Die meisten im Team sind tendenziell links“, ergänzt Phoebe. Frau geht zusammen auf Demos gegen Gentrifizierung, engagiert sich gegen sexuelle Diskriminierung und kickt abseits des Ligabetriebs auf den Bolzplätzen von St. Pauli in gemischten Teams. Drei gegen drei, Männer mit Frauen. Auch das baut Vorurteile ab.

Euphorie hin, Gemeinschaftsgefühl her: Wie in allen guten Revolutionen – und das waren die Unionitas als erstes Frauenteam im Hamburger Fußball, das sich aus Freundschaft heraus gegründet hat – stellt sich auch für sie die Frage, wie es weitergeht, wenn sich die Zeiten ändern. Die Spiele werden rauer, die Gegnerinnen jünger und durstig nach dem Aufstieg. Am Wochenende des Spiels gegen Altona 93 haben die Unionitas ihr fünfjähriges Bestehen gefeiert. Das erste Jahr war ohne Erfolg, kein Spiel wurde gewonnen. Inzwischen sind sie regelmäßige Teilnehmerinnen im Pokal, in der Bezirksliga auf dem zweiten Platz. Zwischen „der Aufstieg ist nicht das Ziel“, sagt Phoebe, und dem Wunsch, dann doch einmal höherwertig statt. Entschieden wird basisdemokratisch.

“Die Spiele werden rauher, die Gegnerinnen jünger und durstig nach dem Aufstieg.”

Das bisschen Frieden nutzt nicht immer. Das Spiel gegen Altona verlieren die Unionitas mit null zu zwei. Dafür bekommen sie woanders Ruhm: Die Honorigen des Hamburger Fußball-Verbands e.V. loben jedes Jahr einen Pokal für das Team aus, das „freundlich“ und „fair“ ist, „sich korrekt auf dem Platz verhält“. Zwei Spielzeiten lang ging der Pokal an die Unionitas, wahrscheinlich werden sie ihn auch dieses Jahr gewinnen: Trotz Niederlage, Krankenwagen und jeder Menge geprellter Körperteile fällt auch heute kaum ein böses Wort bei den Unionitas. Hauptsache, das Team hat gut zusammen- gespielt. Die Herren des Hamburger Fußball-Verbandes .haben da snoch nicht so ganz begriffen: Bei ihrer Fairness-Pokal- Verleihung bekommt immer nur eine Spielerin eine Einladung. Der Rest des Teams darf draußen vor der Tür feiern.

Zuerst veröffentlicht in dem Missy-Magazin, Juli 2011.


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